Stress im Alltag und als Entwicklungsfaktor
Stress bedeutet so viel wie „Belastung“ und meint insofern alle möglichen Anforderungen oder Reize, die unser psychosomatisches System herausfordern. Das können schwieroge Situationen bei der Arbeit sein, Beziehungskonflikte, psychische oder physische Angriffe und/oder verstärkende Faktoren wie Schlafmangel, Hunger, Hitze, Kälte oder auch ein hoher Geräuschpegel. Obwohl das Wort im täglichen Sprachgebrauch negativ konnotiert ist, bedeutet Stress nicht zwingend, dass wir überfordert sind und Hilfe von außen brauchen.
Auch (Leistungs-)Sport ist beispielsweise Stress für Körper und Geist – und insofern eine gezielt herbeigeführte Herausforderung. Im sportlichen Training fordern wir unser psychomotorisches System heraus, verbrauchen Energie und schwächen unsere Muskeln bis zu einem Punkt an dem Regeneration nötig ist. Zugleich wird durch die Belastung beim Sport auch Adrenalin ausgestoßen, das uns antreibt und zu Höchstleistungen befähigt. Das neuro-muskuläre System passt sich mit ausreichender Regeneration an die herausfordernden Umstände an und insofern entwickeln wir uns durch Training weiter.
In diesem Sinne ist Stress also zunächst einmal eine basale körperliche Funktion, die Säugetieren dabei verhilft, mit herausfordernden Situationen umzugehen. Der Körper stellt Energie bereit, kanalisiert seine Funktionen auf bestimmte (Überlebens-)Reaktionen, die oftmals unter dem Schlagwort „Flight, Fight, Freeze“ (Flucht, Kampf, Erstarrren) zusammengefasst werden.
Wir haben die Streßreaktion nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns ändern können. Krank werden wir erst dann, wenn wir die Chancen, die sie uns bietet, nicht nutzen.
– Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe und Stressforscher
Wenn Stress uns überfordert...
Stress wird dann schädlich, wenn er uns überfodert – wenn die Reizdichte oder das Volumen zu hoch sind, wir zu wenige Pausen, Schlaf, Erholung haben.
Wenn wir permanent unter Anspannung sind, ist das parasympathische Nervensystem überaktiv. Adrenalin pusht uns nicht mehr, der Körper schüttet vermehrt Cortisol aus. Nach einer gewissen Zeit verlernen Körper und Geist zu entspannen. Oftmals beginnt hier ein Teufelskreis.
Körperliche Symptome von chronischem Stress können z.B. sein: Erhöhter Blutdruck und Puls, gereizte (gerötete oder juckende Haut), Verdauungsstörungen, Migräne, Schlafprobleme oder auch Tinnitus. Auf der psychischen Ebene können etwa Zustände dauernder Erschöpfung, Gereiztheit oder innerer Unruhe und Zerstreutheit Symptome von chronischem Stress sein.
Wenn für diese oder andere Symptome keine klaren körperlichen Ursachen gefunden werden können, sollten Sie sich fachlich beraten lassen, ob nicht Stress eine mögliche oder die Hauptursache ist.
Stressprävention und Resilienz
Am einfachsten wird chronischem Stress präventiv entgegengewirkt, d.h. dadurch, dass wir bereits bevor Situationen uns übermäßig belasten oder dauerhaft überfordern, bemerken, dass hier die individuelle Grenze erreicht ist. Nur durch das frühzeitige Bemerken können wir rechtzeitig entgegensteuern, um somit erst gar nicht in die Stressspirale zu geraten.
Achtsamkeit ist ein bewährter Zugang zur Stressprävention. Wenn wir achtsam sind, erkennen wir Dinge und Zusammenhänge klarer und können besser für uns und andere sorgen. Die Einübung von Achtsamkeit hilft aber auch in akuten Stress-Situationen, indem wir durch sie lernen, schädliche Reiz-Reaktionen und Verhaltensmuster zu unterbrechen, Emotionen, Gedanken und anderen Impulsen nicht sofort nachzugeben.
Stattdessen lernen wir in achtsamkeitsbasierten Stresspräventionsprogramme wie z.B. MBSR („Mindfulness Based Stress-Reduction) neue, gesündere und nachhaltigere Verhaltensweisen. Wir lernen, unsere Grenzen besser wahrzunehmen und krankmachende Überforderungen zu vermeiden, aber zugleich Herausforderungen anzunehmen, wo wir an ihnen wachsen können. Insofern ist eine achtsamkeitsbasierte Praxis ist ein wichtiger Baustein von Resilienz.